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Think Tanks lassen die Grenze zwischen PR und Journalismus verschwimmen |
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Think Tanks sollen Stimmung schaffen und lassen die Grenze zwischen PR und Journalismus verschwimmen
Telepolis
Harald Neuber?? 19.10.2004
Millionenschwere PR-Kampagnen beeinflussen nach einer Studie mit teils fragw?rdigen Strategien die ?ffentliche Meinung in Deutschland zugunsten neoliberaler Reformen
Die D-Mark, das Wunder von Bern, das Wirtschaftswunder - wer bringt diese Schlagw?rter nicht unmittelbar mit Westdeutschland der f?nfziger Jahre und wirtschaftlichem Wohlstand in eVerbindung? "Emotionale Orientierungsmarken" nennt Rudolf Speth solche Begriffe. Der Politologe?[1] von der Freien Universit?t Berlin beschreibt in einer neuen ?Studie?[2], wie Gro?unternehmen und Wirtschaftsverb?nde schon damals mit gezielter ?ffentlichkeitsarbeit die Akzeptanz f?r das Konzept der "Sozialen Marktwirtschaft" zu erh?hen versuchten. In den ersten Jahren der Bundesrepublik waren es freilich noch einige wenige Unternehmen, die auf Initiative des Bundes Katholischer Unternehmer die PR-Initiative "Die Waage" gr?ndeten. F?nfzig Jahre sp?ter arbeiten in Deutschland Dutzende solcher PR-Kampagnen. Meist geschieht dies von der ?ffentlichkeit nbemerkt. Auf ihre Namen kommt es den Bewerbern neoliberaler deen nicht an. Was z?hlt, ist allein der angestrebte Meinungswandel.
Angesichts der zunehmenden sozialen Auseinandersetzungen ist der Meinungswandel aus Sicht der Reformer auch notwendig. So rief der Arbeitgeberverband Gesamtmetall im Jahr 2000 die "Initiative Neue
Soziale Marktwirtschaft" (INSW?[3]) ins Leben. Zehn Millionen Euro
l?sst sich der Verband das Projekt oder den Think Tank bis zum Jahr 2010 kosten. Ziel ist es, ein wirtschafts- und unternehmerfreundliches Klima in der Bev?lkerung zu schaffen. Anders ausgedr?ckt gehe es darum, wie Speth schreibt, "den B?rgern die Staatsgl?ubigkeit auszutreiben".
Die INSM bereite das klimatische Fundament, damit die Unternehmer anschlie?end ihre Interessen besser durchsetzen k?nnten. Neben koordinierter Medienarbeit nutzt die INSM daf?r ein breites Netz von prominenten F?rsprechern. Die Namen reichen von den Gr?nen-Bundestagsabgeordneten Oswald Metzger und Christine Scheel ?ber die Th?ringische CDU-Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski bis zu dem Unternehmensberater Roland Berger.
Nach Angaben des Leipziger Journalismus-Professors Michael Haller
stehen in Deutschland 30.000 Politik- und Wirtschaftsjournalisten
15.000 bis 18.000 PR-Leute gegen?ber. In den USA hat sich das
Verh?ltnis schon zugunsten der PR-Branche umgekehrt. Dort beruhen mittlerweile mindestens 40 Prozent der Informationen in einer Tageszeitung nicht mehr auf eigener Recherche, sondern gehen zur?ck auf mediengerecht aufbereitete Informationen, auf Erkl?rungen, Pressemeldungen und Anzeigen von Anbietern, die Eigeninteressen mit diesem Material verfolgen. Die Produkte der INSM diffundieren auf diese Weise langsam in die seri?sen Medien, Slogans, Sichtweisen und Vergleichsrechnungen werden ?bernommen, weil sie mediengerecht und zur Hand sind. - Aus der Studie: "Die politischen Strategien der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"
Neben dem im Mai 2003 gegr?ndeten "B?rgerkonvent" (Die anonymen Anpacker?[4]) ist die INSM die einflussreichste, finanzst?rkste und bestorganisierte Initiative. Und doch gibt es eine Vielzahl weiterer neoliberaler Werbekampagnen unter Namen wie "Deutschland packt's an", "Berlinpolis", "Aufbruch jetzt!", "Stiftung liberales Netzwerk", "Projekt Neue Wege" oder "Reforminitiative". Das besondere Merkmal der INSM aber sind die enormen Finanzmittel und die professionelle Unterst?tzung der internationalen PR-Agentur Scholz & Friends. In sechsw?chigen Abst?nden lancieren die Meinungsmacher Anzeigen zu aktuellen Politdebatten in ?berregionalen Tageszeitungen und anderen Medien. Auch Talkshows wie "Christiansen" oder "Illner" werden von dem INSM-Partner mit G?sten versorgt. Doch gerade die Schnittstelle zwischen Public Relation und Journalismus ist fragw?rdig.
So werden Beitr?ge der prominenten INSM-"Botschafter" und Kuratoren regelm??ig in Printmedien platziert. Im Gespr?ch mit Speth erkl?rte der Gr?ne Reformbef?rworter Oswald Metzger das Procedere:
?Die Fragen mich an, ob ich Interesse h?tte, bei einer Kampagne gegen die Kohlesubvention oder beim Agrarthema etwas zu machen. (...) Dann sage ich okay, das Thema liegt mir besonders, da kenne ich mich aus, da will ich mich positionieren. Und dann kommt es zu einer Abstimmung.
Aus der Studie: "Die politischen Strategien der Initiative Neue
Soziale Marktwirtschaft"
Medienethisch ein problematisches Vorgehen, denn die Grenzen zwischen Lobbyarbeit und Journalismus verwischen sich. F?r den Evangelischen Nachrichtendienst ?recherchierte?[5] Volker Lilienthal bereits im vergangenen Jahr ein besonders krasses Beispiel solcher Grenzverst??e.
So kaufte die INSW f?r 66.000 Euro die Videorechte an einem politisch eindeutigen Dreiteiler des Filmautors- und Produzenten G?nther Ederer ?ber "M?rchen" der Sozialpolitik auf. ?ber das Sponsoring der INSW konnten die Filme ?berhaupt erst produziert werden, um sie schlie?lich ?ber den Hessischen Rundfunk in der ARD zu platzieren. F?r einen l?cherlichen Betrag erreichten die der INSM opportunen Nachrichten auf diese Weise ein potenzielles Millionenpublikum.
Auch im Internet geht die Initiative koordiniert von dem Scholz & Friends-Subunternehmen Aperto AG in die Offensive. Sogar mit dem Format "MTV Select" wurde inzwischen eine Zusammenarbeit etabliert: In jeder Sendung findet ein ?Job-Date?[6] statt, bei dem Jugendliche beraten werden. Was da im Mantel des "social campaigning" daherkommt, ist eine jederzeit nutzbare Plattform, der jungen Zielgruppe die politischen Inhalte der INSM einzutrichtern. Von MTV wird die Kampagne mit 600 TV-Spots beworben. ?hnliche Kooperationen gibt bestehen inzwischen mit dem Stadtmagazin Prinz, dem Radiosender big FM, NTV, impulse, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Welt oder dem Handelsblatt.
Einen vergleichbaren Etikettenschwindel wie bei der MTV-Kooperation macht sich die zweitgr??te neoliberale erbekampagne "B?rgerkonvent" zu eigen. Mit sechs Millionen Euro (von bislang nicht bekannten Finanziers) ausgestattet betreibt der "B?rgerkonvent" laut Speth "eine aggressive Anti-Parteien-Rhetorik und verfolgt das Ziel, die Politiker unter Druck zu setzen."
Dabei, so erkl?rte der Politologe im Gespr?ch mit Telepolis, "werden Begriffe und Inszenierungen von sozialen Bewegungen imitiert". Der B?rgerkonvent bezeichne sich etwa als Nichtregierungsorganisation und betone in Selbstdarstellungen seinen Bewegungscharakter. W?hrend die INSM auf zentral gesteuerte PR-Kampagnen setzt, will der B?rgerkonvent kraft seiner ?ber 2.000 Mitglieder auf diese Weise Druck "von unten" erzeugen. Bisher wenig erfolgreich. Wahrscheinlich fehlen noch ein paar Millionen Euro Finanzmittel.
Links
[1] http://rudolfspeth.de
[2] http://rudolfspeth.de/PDF/Buergerkonvent.pdf
[3] http://www.chancenfueralle.de
[4] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/14811/1.html
[5] http://www.epd.de/medien/medien_index_14958.html
[6] http://www.wassollwerden.de/Was_gibt_es_/Job_Date.html
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